Arbeitskreis Dorfarchiv, Bürgerhaus Hellmitzheim e.V.
Niederschrift
von Frau Rosel Bartholomäus, Frau des Hellmitzheimer Pfarrers, vom 25. April 1945
Bericht aus den schweren Tagen der Heimsuchung, die mit dem 11. April 1945 über Hellmitzheim hereingebrochen ist.

Der erste Satz dieses Berichtes sei Lob und Dank gegen unseren gnädigen, barmherzigen Vater im Himmel, der bei allem Kriegsgetümmel, je selbst bei den Großbrand unseres Dorfes, doch die Menschenleben so gnädig unter seinen Schutz und schirm genommen hat.
Der Feind selbst soll sich verwundernd geäußert haben, dass in den drei Ortschaften Nenzenheim, Dornheim und Hellmitzheim doch fast alle Menschenleben behütet geblieben sind. In der Tochtergemeinde Dornheim kam um durch Tiefflieger Herr Zinser, Bauer und Posaunenbläser.
Hier in Hellmitzheim haben wir sechs Tote zu beklagen, ihre Namen sind: Reta Streicher, Bauerntochter am 04.04.1945 durch Tiefflieger ums Leben gekommen.
Katharina Haag, auf der Straße sofort tödlich getroffen am 09.04.1945 (Durch die erste Granate die ins Dorf schlug). Herr Müller, außwärtiger Bahnbeamter im alten Bahnhof wohnhaft; im Haus durch Sprengwirkung verstümmelt und im Augenblick tödlich getroffen. Die alte Frau Popp, am Dorfeingang rechts, „aus Eigensinn“ wie mir gesagt wurde, verbrannt. Sie wollte noch Kleidungsstücke retten, und blieb ein Raub der Flammen.
Die Schwester von Herrn Geißendörfer, eine alte Frau von auswärts, die durchaus nicht in den Keller gehen wollte.
Und endlich Herr Bayer, ein alter, kranker Bauer, der unsere Pfarrscheune gepachtet hatte. Er wurde von seinem Schwager noch aus dem Haus geholt, kam aber doch in die Flammen und ging jämmerlich hinüber in die bessere Welt.
1. Kor. 15, 42. u. 43
Sind wir in Hellmitzheim die fünfeinhalb Kriegsjahre so gnädig behütet geblieben, so hat mit dem letzten Großangriff auf Nürnberg am 2. Januar 1945 eine besonders unruhige Zeit begonnen. Die Fliegergefahren sind immer größer, die Nächte immer unruhiger geworden.

Am 18. März konnte, – zwar mit Unterbrechung – noch einmal Konfirmation in unserer lieben, alten Kirche gehalten werden. Ebenfalls am 25.03.1945, am heiligen Karfreitag dem 30.03. und am Ostersontag den 01.04.
Bereits am Ostermontag ließ unser Kirchenpfleger und Lektor den Gottesdienst ausfallen (von da fast ständig bei Krieners oft im Keller; das Pfarrhaus hatte keinen Keller, das Gartengewölbe, dicht bei der Kirche hatte keinen Notausgang. Die Hälfte des Kellerhauses und die Türen sind abgebrannt). Die nahente Front tobte, Hüttenheim, Marktbreit, Obernbreit wurden geräumt, hieß es; es kamen Flüchtlinge von dort hier durch. Am 05.04.1945 tobten Waldgefechte bei Hüttenheim, am Bullenheimer Berg, am Tannenberg – mit blutigen Verlusten bei den Deutschen – Am 06.04. früh habe ich zu Hause noch schnell backen wollen, um im Keller bei Kirchenvorsteher Hans Kriener für uns genügend Nahrung zu haben, da erfuhr ich, dass amerikanische Panzer kämen, ließ alles stehen und eilte zu den Kindern, um den Tag im Keller zu verbringen. Schon am 26.03.1945 hatte ich vier kleine Koffer mit dem Allernötigsten und einem Kistchen mit vollen Einmachgläsern zu Krieners in den Keller gebracht, auch die Matratze von Liesels Bett um in der Not zur Entbindung ein Lager im Keller zu haben.
Am Nachmittag dieses Tages, am 06.04. kam der Befehl zur Kellerräumung bei Krieners; deutsches Militär kam leider zur „Verteidigung“ ins Dorf, errichtete äußerst primitive Panzersperren an den Dorfein- und Ausgängen und beunruhigte die Bevölkerung sehr.
Wir flüchteten in den Keller der Kreitleins, der schon reichlich überfüllt war, bleiben aber nur für Stunden dort, da Frau Roth meine Mannheimer Einquartierungsfrau bei dem Leutnant und Oberleutnant ein gutes Wort für mich und meine Lage einlegte und fragte, ob wir denn russische Zustände hätten. Daraufhin wurde der Keller wieder freigegeben und es folgte eine ruhige Nacht, in der die übermüdigten Kinder ganz durchgeschlafen haben. Besonders unser Martin war am Abend im Stehen wiederholt eingeschlafen. An diesem Tag hieß es, vor Möhrings Bahnhäuschen seien feindliche Panzer gestanden.
Am 07.04. stand ich früh auf (vier Uhr) ging heim, gab meinen Mannheimeren Mehl zum Backen, holte einige Kleinigkeiten. Der Tag verlief ruhig. Abends kam Artilleriebeschuß im Dornheimer Wald und es folgte eine ruhige Nacht. Aber trotzdem kam die bei Krieners einquartierte Saarländische Familie Fischer, bis auf den Mann, die Nacht über in den Keller.
Am 08.04.1945 war ein strahlender Sonntag, der ruhig verlaufen ist. In der frühe solang die Kinder schliefen, besorgte ich Butter im Dorf und erhielt durch Frau Brehms Freundlichkeit die Erlaubnis drei Federbetten in ihren Keller bringen zu lassen, die uns auf diese Weise erhalten geblieben sind.
Am Montag, 09.04.1945, wurde Hellmitzheim bereits beschossen. Es entstanden Brände bei Heinrich Weigands Scheune; ebenfalls ist die nahe gebaute Scheune von Krämers (Hermes) abgebrannt. Durch tatkräftigen Einsatz von beherzten Leuten, auch jungen Mädchen im Dorf, wurden zunächst weitere Brände verhindert. An diesem Tag kam auch Katharina Haag ums Leben und in unser Pfarrhaus ging eine Bombe mit Sprengwirkung herein (kleine Luftmine?).
Heute 1946 nimmt man bestimmt Artilleriebeschuß an. Sie legte im 1. Stock drei Wände ein: Schlafzimmer, Kinderzimmer, Schlotkammer. Wären wir etwa gerade im Haus gewesen, hätte wohl keine von uns das Leben retten können.

Die Losung an diesem Tag hieß: Hiob 10,12: Leben und Wohltat hast Du an mir getan, und dein Aufsehen bewahr meinen Odem.

Am 10.04. brannte das Anwesen von Herrn Käufer, dem hiesigen Metzger ab. Auch kamen starke Artillerieeinschläge ins Anwesen Kriener. Am 11.04.1945, dem Tag, der Dank der unbegreiflichen Hartherzigkeit und Borniertheit der deutschen Offiziere das große Unglück über uns hereinbrechen ließ, brannte die Scheune und die Nebengebäude des Anwesens Leonhard Maul ab, das eine Wohnhaus und die Nebengebäude des Fritz Streicher (Rösch) und bei Hans Fink usw. Aus eben dieser Familie Streicher verstarb vor Tagen die Tochter des Hauses, Reta Streicher – auch das alte Haus von Herrn Kriener hat sehr stark unter Artilleriebeschuß gelitten.

Nachmittag so cirka einhalbfünf Uhr, es waren gerade unsere zwei Mannheimer Frauen gekommen, erfolgte ein schwerer Tieffliegerangriff, der einen sehr großen Teil unseres Dorfes, die geliebte Kirche, und unsere eigene Heimat, das vielgeliebte Pfarrhaus, völlig vernichtete. Sofort zu Beginn loderte Krieners große Scheune hellauf, sodass wir mit nassen Mützen und Tüchern sofort den Keller verlassen mussten.
Im Zusammenhang mit diesem Angriff wurde dem tatkräftigen Bauern Adam Weigand, der schon im 1. Weltkrieg ein Bein eingebüßt hatte, das andere gesunde Bein im Knie durch Tiefflieger angeschossen.
Am 12.04., Donnerstagmittag, wurde er durch amerikanische Sanitäter dann mitfortgenommen; wohin weis noch niemand bis heute … (Wurde in Tauberbischofsheim amputiert, nach Iphofen gebracht und ist vollgenesen und trägt sein Schicksal sehr tapfer – August 1946).
Bereits am Dienstag, dem 10.04.1945, wurde von den Amerikanern der Bahnvorstand Weber ins Dorf gesandt, mit dem Angebot, das Dorf solle sich ergeben und bliebe dann verschont.
In der Gastwirtschaft Kreitlein (Goldene Krone) fanden sich dann einige Männer zusammen: Weber, der Bürgermeister Weigand, Adam Weigand, Langmann. Stets nur ein Mann habe mit dem Leutnant verhandeln dürfen und alle Verhandlungen gingen dahin, dass der bornierte Leutnant und Oberleutnant nicht nachgeben wollen, obgleich sie ja nur ein paar Männlein zur „Verteidigung“ zur Verfügung hatten, und vor allem keinerlei ausreichende Waffen und Munition.

Noch an diesem Abend kam Lissi Endres, ein äußerst tapferes Mädchen, die Nichte von Adam Weigand, und teilte uns alles mit, dass so eine Art Panikstimmung entstanden ist, lässt sich nicht verwundern. Unser Martin wurde auch verschiedene Male ängstlich und wollte weinen; dagegen hat sich unserer kleine Liesel ganz vorbildlich benommen. Das Kind hat nicht einmal geweint, sondern war voller Vertrauen und Ruhe. Ich habe mich selbst sehr über die Kleine gewundert; durfte ja durch Gottes Beistand auch selbst ruhig bleiben, bei aller inneren Bereitschaft zum nahen Tode, der in diesen Tagen ja wiederholt an unsere Türen und Herzen klopfte.

Am Mittwoch früh, so cirka sieben oder acht Uhr machte sich das tapfere Mädchen Lissi Endres auf den Weg zum Feind um Fürsprache für unser Dorf einzulegen. Zunächst ging es über die deutsche Stellung hinweg. Lissi hatte mit den deutschen Soldaten schon gesprochen und dann über die Föttingersmühle in die „Höll“, wo die Amerikaner ihre Stellungen hatten. Sie kam gut durch und wurde auch von den zuständigen Offizieren angehört, und sogar ein Stück zurück in dem Auto mitgenommen. Es wurde ihr versprochen, sie dürfe wieder nach Hause, sie sollte sich aber mit dem Leutnant verständigen, und das Dorf bleibe verschont. Sie habe, wie sie mir selbst berichtete, den Amerikaner gar nicht ausreden lassen, weil sie die Befürchtung äußerte, der Deutsche würde sie sofort erschießen. So blieb sie im Schutz des Feindes, bis unser Dorf zu Zweitdrittel völlig zugrunde gerichtet war.
Liesel Endres hatte sich in ihrer tapferen Haltung schon vor Tagen hervor getan, als die Scheune des Heinrich Weigand abbrannte; sie stieg in die Höhe hinauf, wo Männermut versagte, und zog sich eine schwache Rauchvergiftung zu.
Am Mittwoch früh wurden durch die deutschen Soldaten folgende Männer in den Kirchhauskeller gesperrt: Weber und Möhring von der Bahn und unser Bürgermeister, der doch so gerne um jeden Preis sein Dorf gerettet hätte.

In unserer Kellergemeinschaft haben wir wiederholt auch gemeinsam gebetet, das heilige Vaterunser, Befiehl du meine Wege u.a. mehr.
Es sei amtlich festgestellt, dass am 11.04.1945 Mittag das letzte und dritte Angebot der Amerikaner vom deutschen Militär abgelehnt worden ist. Nachmittags so gegen halb Fünf-Uhr begann dann die große Katastrophe. In der Nacht hatte sich dann das deutsche Militär „abgesetzt“. Besser gesagt: es ist unverrichteter Dinge geflüchtet, ohne auch nur das Allergeringste bezweckt zu haben.
Der Leutnant sei beim Seehof tot aufgefunden worden und den Oberleutnant hätten sie in Markt Bibart erschossen, leider zu spät. Aber vielleicht blieb so anderen Ortschaften viel Leid und Not erspart.

Wie schon erwähnt, begann also am Nachmittag des 11.04.1945, ca. 16.30 Uhr, das große Unglück durch Tieffliegerangriff. Kurz zuvor war infolge Artillerievolltreffer ins alte Kriener Haus durch den Luftdruck das hintere Kellerfenster (Holz und Mist) eingebrochen und gerade auf uns, die Kinder und Mich zugeflogen. Wären nicht gerade die Mannheimer dagewesen und auf dem Sofa gewesen und wir zum Teil seitlich dabei, hätten wir wohl schweren Schaden gelitten. So spürten Martin und die junge Mannheimer Oberleutnantsfrau zwar körperlich den Luftdruck, jedoch haben sich die Schmerzen bald wieder gelegt. – Ebenso haben wir und die ganzen Kinder der Familie Heinrich Weigand und Verwandtschaft am 09.04. schon eine große, gnädige Behütung erlebt.

Wir waren unmittelbar vor ganz starken Dorfbeschuss noch mit den Kindern im oberen Hausgang, vor dem Haus und die Kinder sogar kurz in der Sonne im Hof. Heinrich Weigand ließ all seine Kinder in der Scheune austoben, als vielleicht 5 Minuten danach die Scheune in Brand geschossen wurde.

11.04.1945:
Sehr bald nach den schweren Einschlägen schossen dann die Tiefflieger unser Dorf in Brand. Krieners Scheune loderte sofort hell auf, sodass wir auf dem schnellsten Weg den Keller verlassen mussten um das Leben zu retten.
Fischers, die außergewöhnlich tüchtige Familie (Saarländer) bei Kriener räumten all ihr und mein Hab und Gut in den alten Hauskeller und auf einen großen Wagen, den sie ins Frei stellten, und halfen wo es Not tat. Auch Herr Kriener blieb zurück, machte sein Vieh los und löschte, sodass sein neues Haus, auf dem bereits schon die Flammen züngelten, erhalten blieb. Seine Familie völlig überwältigt von dem Schrecken, suchte das Weite, wie auch ich selbst mit den Kindern und vielen anderen Leuten, besonders eben Frauen mit kleinen Kindern.
In den Wald zu flüchten erschien uns sinnlos, da hier in erreichbarer Nähe überall die Artillerie in großer Tätigkeit war. Auch fuhren drüben auf der Straße (B8) Panzer, und ich sah gerade zu wie sie mit ihren Maschinengewehren den Seehof eingeschossen haben (Nebengebäude).

Infanteriegeschosse durchschwirrten die Luft, und über uns surrten und schossen die Tiefflieger, sodass wir uns sehr oft zu Boden werfen mussten. Die Frühlingssonne schien warm. Es war ein leuchtend heller Nachmittag und bei aller Gefahr freute man sich darüber, nach den dunklen Kellertagen. Unser liebes Dorf lag vor uns in einem solch großen Flammenmeer. Vor unseren Augen loderte Kirche und Kirchturm auf in hellen Flammen. Die geliebte Kirche in der mein Liebster Gotteswort verkündigt hatte. Unser Pfarrhaus hat sehr lange nicht gebrannt. Wäre ich nicht so unmittelbar vor der Geburt unseres fünften Kindes gestanden, wäre es mir zumindest gelungen, noch viel Hab und Gut zu retten; hatte ich doch meines lieben Mannes gute Anzüge usw. alles im unteren Hausgang griffbereit stehen, ebenso alle wertvollen Kirchenbücher, die eigene Kassette mit Papieren für Lebensversicherungen usw.
So aber galt es: Das Leben retten um der Familie, den geliebten Kindern noch beistehen zu können.
Das Anwesen Willi Brummer, uns gegenüber, das alte Haus Sturm, brannte von Anfang an, sodass ein Durchkommen auf der Straße für unsere Mannheimer gar nicht mehr möglich war.
Und was hätte ich davon gehabt, wenn ich unter Lebensgefahr und noch fortlaufendem Beschuss, den Versuch gemacht hätte, Gut zu retten und läge vielleicht heute schwerverwundet da? Es ist bitter so viel zu verlieren, eine so mühsam ersparte Aussteuer, ganz besonders die ganze Bücherei meines lieben Mannes, all die vielen idealen Quellen von Freudenquellen. Aber es soll nicht das schlimmste sein! Wir wollen Gott von Herzen danken für die gnädige Behütung unseres Lebens, und wir wollen uns miteinander trösten.

24 Scheunen sollen noch stehen in Hellmitzheim, nach der Errechnung von Heinrich Weigand; 38 Scheunen sind abgebrannt und 27 Wohnhäuser ebenfalls. Außerdem viele Nebengebäude und dann sind ja viele Häuser und Gebäude stark beschädigt. Die Aufzählung all der betroffenen Anwesen folgt später.

Zunächst noch eine weitere Beschreibung des Spätnachmittags am 11. April. Zunächst gingen wir zum sog. Zettelbrünnchen, um dort das Leben zu retten, unter Umständen dachten wir auch daran, uns durch die feindlichen Linien zuschlagen und nach Mönchsondheim zu flüchten, das schon in Feindeshand war. Wir ruhten dann unter einem Baum aus, und die getreuen Fischers brachten uns sogar unsere zwei Körbe mit Esswaren hinaus und einen Rest Milch zu trinken.
Überall weidete das losgebundene Vieh, oft nicht ungefährlich. Unsere liebe Liesel hatte den größten Spaß an ein paar jungen Ziegen, die die Familie Stammler mit sich genommen hatten. Wenn man nach Dornheim hinüber sah, bot sich ein trauriger Anblick; fast gar keine Häuser mehr; nur noch ganz vereinzelte, die katholische Kirche und das Pfarrhaus zerstört, ebenso das katholische Schulhaus. Ich bin noch nicht hinüber gekommen: Stehen sollen noch die Häuser von Bürgermeisters, Kister, Grötsch, Würflein, Krämer (Glockenunglück vor Jahren!) und wenige andere; demoliert unsere evangelische Kirche und das Schulhaus.

Endlich flüchteten wir vor einen großen Strohhaufen um Deckung zu nehmen, und alle Menschen beseelte die eine Frage: Wohin? Sich scharen unter der weißen Fahne? Und damit dem tödlichen Schuss der deutschen Fanatiker ausgesetzt sein?
Sich Erdlöcher graben? Zurück ins brennente Dorf gehen? Wir liefen einem deutschen Offizier in die Hände, der offenbar auf dem Wege der Flucht war, und nur höhnisch lächelnd versicherte, er könne mir nichts raten; es dauere keine zehn, auch keine drei Tage mehr.
Schließlich entschloss sich wohl die ganze Notgemeinde dazu, wieder den Weg zu den Flammen aufzunehmen, auch wir. Unser Martin weinte freilich sehr: „Mutter nicht mehr, nicht mehr zum Feuer!“ Aber was half s? Freilich glimmte und brannte es noch lange. Schweren Herzens gingen wir doch in den Krieners Keller zurück. Die guten Fischers hatten uns auf einer Bank zwischen zwei Fenstern, wo uns also kein Luftdruck sehr treffen konnte, ein Lager zubereitet. Da schliefen wir zu Dritt; das heißt die Kinder feste. Ich lag teilweise umgekehrt zwischen ihnen, konnte je ein Kinderfüßchen packen und mein Herz war erfüllt tiefstem Dank gegen Gott, der mir unser kostbarstes Gut so gnädig bewahrt und beschützt hatte.
Es waren ganz kleine Kinder im Keller dabei und der Vater eines solchen, auch ein Saarländer, wollte noch Spiritus bei uns holen. Aber er kam schon zu spät ins Pfarrhaus. Er kam wieder und berichtete mir, das Pfarrhaus sei oben bereits im Zusammenstürzen.

Nach einer einigermaßen ruhige Nacht, in der viele Hellmitzheimer bis zur Grenze ihrer Kraft und mit Einsatz Ihres Lebens gelöscht und geschafft haben, setzte sich am Morgen des 12.04. einzelner Dorfbeschuss wieder fort. Von der Maulsmühle (obere Dorfmühle) wurde die Magd mit der weißen Fahne dem Feind entgegen gesandt um die „Äußere Gasse“ zu retten.

Dieser Truppenteil war noch nicht unterrichtet vom Abzug des Militärs. Inzwischen wurden hier weiße Fahnen gehisst, und Mittag erfolgte dann der Einzug der Amerikaner. Der Bürgermeister ging mit ihnen durchs Dorf; die Einwohner standen auf den Strassen herum. Allgemeine, große Neugierde, ganz besonders bei allen jungen Mädchen. Ich blieb als fast einzige mit meinen Kindern im Keller und ging erst spät hinauf, um mit ihnen den ersten Gang zu unserem Trümmerhaufen, zu unserer ehemaligen Heimat zu machen. Solch Gang tut wohl weh; aber es gibt größeres Leid in der Welt und Gott, der uns bis heute durchgeholfen hat wird uns auch weiter helfen!
Die folgende Nacht verbrachten wir noch einmal im Keller. Dann bat ich Herrn Kriener, ob er uns nicht aufnehmen möge in unserer Obdachlosigkeit, und er sagte uns das auch freundlich zu. Nun haben wir das Schlafzimmer seiner Töchter mit deren Möbeln zum bewohnen erhalten. Wir wohnten neben Fischers, kochen auch mit denen zusammen in Ofen.

Alles geht wenn man es will, und wir dürfen Gott nur danken für die freundlichen Menschen, die bei uns leben. Das liebste ist mir hier, dass man auf die Ruinen unserer lieben Kirche sehen kann. In den folgenden Tagen dienten die Ziegel des Pfarrhauses dazu, den notwendigsten Teil des Kriener-Hauses wieder zu decken und wir selbst richteten uns notdürftig ein. Ich ging ums Allerdringlichste betteln im Dorf, machte bei Veits mit gerettetem Silber auch einen Tausch gegen Bettwäsche und so durften wir Tag für Tag Gottes gnädige Hilfe erleben.

Am 21.04. holte ich auf ansuchen von Herrn Kriener die Altargeräte, das heißt die Abendmahlsgeräte aus der Sakristei. Letztere blieb merkwürdigerweise völlig unberührt, ebenso die von meinem Mann vor Jahren selbst gezimmerte Gartenlaube. Wir brachten die Geräte zu Herrn Veit, da das Haus von Kirchenpfleger Maul zu stark gelitten hatte. Übrigens wäre dieser mit seiner Familie fast ums Leben gekommen, durch den Einsturz einer großen Giebelmauer.

Sonntag, Jubilate, machte ich Besuch mit den Kindern bei Leonhard Krämers, die sehr tapfer ihr Schicksal tragen; sie wohnen beim Wagner Schneider (Hs.Nr. 100) und bei der Gelegenheit konnte ich auch gleich noch den alten Herrn Popp treffen, dessen Frau verbrannt ist. Ihm fiel ein Balken auf den Rücken oder Kreuz; er musste Liegen, stand aber nach ein paar Tagen schon wieder auf und erfreute sich der Sonne vor dem Haus.
In der Nacht vom 22.04. auf 23.04.1945 um zwölf Uhr kam nach vierzehntägiger Wanderschaft aus der Gegend von Bremen/Hamburg unser ehemaliger Nachbar Willi (Wilhelm) Brummer zurück in die Heimat. Er ist mit noch zwei Kameraden gewandert und sie haben sich durch die amerikanischen Linien schlagen müssen.

Ich traf ihn in den Morgenstunden des 23.04.1945 auf seinem Grundstück, das ja ebenfalls wie unser Haus ein Raub der Flammen wurde. Er berichtete mir von seinen Erlebnissen, zeigte mir seine verschiedenen Papiere und ließ mich sogar seinen Entlassungsschein in Händen halten, der ihn vom Deutschen Militär ausgestellt wurde.
Am selben Tag, Nachmittag cirka vier Uhr, ist Willi Brummer auf den Trümmern seines eigenen Anwesens, auf die grausamste Weise ums Leben gekommen. Brummers Polin hatte eine halbe Panzerfaust, nur ein kurzes Stück Rohr – bei ihrem Garten (unserem Ackerlein) gefunden, mit Heim genommen und Herrn Brummer in die Hand gegeben. Er, der Sache als Sanitäter offenbar unkundig, hielt die Waffe gegen sich selbst und brachte sie aus Unwissenheit wohl zur Endladung. Der Jammer ist jetzt freilich sehr groß. Heute am 25.04.1945 ist er beerdigt worden, zuvor die alte Frau Wirth, des Totengräbers Frau.

Ganz wunderbar ist auch die Losung am 12. April gewesen, nachdem am 11. April das große Unglück über uns hereingebrochen ist.
Sie lautete wie folgt: Ps.74,12:
Gott ist mein König von alters her, der alle Hilfe tut, die auf Erden geschieht.

und Math. 8,26:
Ihr Kleingläubigen: warum seit Ihr so furchtsam?

Hellmitzheim, bei Hans Kriener, Hs.Nr. 37
am 25. April 1945
gez. Rosel Bartholomäus (Frau des Hellmitzheimer Pfarrers)

Nachtrag vom 21.08.1946:
Gerettet habe ich: Die 500.- Mark teure Geige meines lieben Mannes, in einem leeren Mostfaß beim Bürgermeister und mein kostbarstes Hab und Gut: die lieben Feldpostbriefe meines Mannes.
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Beitragsfoto oben überreicht von Anni Ziegler, Hellmitzheim
Die noch zerstörte Kirche um 1949/50. Im Foto ist das Pfarrhaus (FlurNr. 32) sowie die Mauer zum Friedhof (vorne im Foto) bereits wieder aufgebaut.
Hausecke mit Traufe im rechten Bildrand ist das Wohnhaus der heutigen Sportplatzstraße 5, FlurNr. 46.
Im September 1951 wurde die Dorfkirche nach erfolgtem Wiederaufbau wieder seiner Bestimmung übergeben.
(Arbeitskreis Dorfarchiv | Stand 19.03.2017)